Nachricht

Mein Hund kratzte wie besessen an einem alten Wandbild – doch als plötzlich ein menschliches Gesicht aus dem Stoff hervortrat, begriff ich, warum meine Mutter verschwunden war!

„Bruno! Hör sofort auf!“

Anna stand mitten im dunklen Flur ihrer alten Familienvilla und starrte entsetzt auf ihren Golden Retriever.

Der vierjährige Hund hatte sich auf die Hinterbeine gestellt. Seine Vorderpfoten schlugen immer wieder gegen ein riesiges Wandbild, das in einem schweren, vergoldeten Holzrahmen hing.

Es war kein gewöhnliches Gemälde.

Statt einer Leinwand befand sich darin ein dicker, blaugrauer Stoff mit einem altmodischen Blumenmuster.

Seit Anna denken konnte, hing dieses seltsame Bild an derselben Wand.

Ihre Großmutter hatte ihr als Kind immer verboten, es zu berühren.

Doch jetzt schien Bruno vollkommen außer sich zu sein.

Er kratzte.

Er bellte.

Er presste seine Nase gegen den Stoff und begann tief zu knurren.

„Bruno, was ist denn los mit dir?“

Anna ging vorsichtig näher.

Der Flur lag fast vollständig im Dunkeln. Nur einige alte Wandlampen warfen schwaches, flackerndes Licht auf die Holzvertäfelungen.

Plötzlich hörte Bruno auf zu kratzen.

Seine Ohren richteten sich auf.

Er starrte bewegungslos auf die Mitte des Stoffes.

Anna folgte seinem Blick.

Zuerst bemerkte sie nichts.

Dann bewegte sich der Stoff.

Ganz leicht.

Als würde von der anderen Seite jemand dagegenatmen.

Anna hielt den Atem an.

Eine kleine Wölbung entstand.

Langsam drückte sich etwas nach außen.

Zuerst die Form einer Nase.

Dann zwei Lippen.

Schließlich zeichnete sich die Kontur eines menschlichen Gesichts unter dem Stoff ab.

Nicht größer als ein normales Gesicht.

Aber deutlich genug, dass Anna jeden einzelnen Umriss erkennen konnte.

Ihre Beine wurden weich.

„Oh mein Gott …“

Sie stolperte einen Schritt zurück.

Bruno begann erneut zu bellen.

Und dann bewegten sich die Lippen unter dem Stoff.

Eine leise Frauenstimme flüsterte:

„Anna … endlich bist du zurück.“

Anna erstarrte.

Denn sie kannte diese Stimme.

Es war die Stimme ihrer Mutter.

Der Mutter, die vor 23 Jahren in genau diesem Haus verschwunden war.

 

Das Haus, über das niemand sprechen wollte

Drei Wochen zuvor hatte Anna ihre Großmutter Helga beerdigt.

Die alte Frau war im Alter von 84 Jahren gestorben und hatte ihrer einzigen Enkelin eine große Villa im Schwarzwald hinterlassen.

Das Gebäude stammte aus dem 19. Jahrhundert.

Dunkle Holztreppen, hohe Decken, schwere Vorhänge und endlose Flure verliehen ihm eine fast unheimliche Atmosphäre.

Als Kind hatte Anna viele Sommer dort verbracht.

Sie erinnerte sich an den großen Garten.

An die alten Apfelbäume.

Und an die Abende, an denen ihre Großmutter ihr Geschichten vorgelesen hatte.

Doch es gab auch Erinnerungen, die sie ihr ganzes Leben lang verdrängt hatte.

Vor allem die an ihre Mutter.

Anna war sieben Jahre alt gewesen, als ihre Mutter Katharina plötzlich verschwand.

Ihre Großmutter hatte damals behauptet, Katharina sei fortgegangen, um ein neues Leben anzufangen.

„Manche Menschen können die Verantwortung für eine Familie nicht tragen“, hatte Helga gesagt.

Anna hatte diese Erklärung nie verstanden.

Ihre Mutter war liebevoll gewesen.

Sie hatte Anna jeden Abend ins Bett gebracht, ihr durch die Haare gestrichen und leise gesungen.

Warum sollte eine solche Mutter ihre Tochter ohne ein einziges Wort verlassen?

Jahrelang hatte Anna gehofft, einen Brief zu erhalten.

Einen Anruf.

Irgendein Lebenszeichen.

Doch nichts kam.

Irgendwann hörte sie auf zu fragen.

Bis sie nach dem Tod ihrer Großmutter die Villa erbte.

Der Notar überreichte ihr neben den Hausschlüsseln einen kleinen, versiegelten Umschlag.

Darauf stand in Helgas Handschrift:

„Für Anna. Bitte erst öffnen, wenn du wieder im Haus bist.“

Anna steckte den Brief in ihre Tasche.

Damals ahnte sie nicht, dass die wenigen Worte darin ihr gesamtes Leben verändern würden.

Die erste Nacht

Anna war erst am Nachmittag angekommen.

Sie hatte beschlossen, einige Wochen in der Villa zu verbringen, persönliche Gegenstände zu sortieren und anschließend über den Verkauf des Hauses nachzudenken.

Bruno war natürlich mitgekommen.

Normalerweise war der Golden Retriever ein fröhlicher, verspielter Hund.

Doch kaum hatten sie die Villa betreten, veränderte sich sein Verhalten.

Er blieb vor dem langen Flur stehen.

Seine Rute senkte sich.

Er begann zu winseln.

„Was ist denn, mein Großer?“

Anna streichelte ihn.

Doch Bruno weigerte sich, weiterzugehen.

Er starrte auf das große Wandbild.

Den vergoldeten Rahmen.

Den blaugrauen Stoff.

Anna erinnerte sich sofort an das strenge Verbot ihrer Großmutter.

„Dieses Bild darf niemals abgenommen werden.“

Als Kind hatte sie einmal gefragt, warum.

Helga war damals ungewöhnlich blass geworden.

„Weil manche Dinge besser verborgen bleiben.“

Anna hatte nie wieder danach gefragt.

Jetzt, mehr als zwanzig Jahre später, stand sie wieder davor.

Und Bruno verhielt sich, als wäre hinter dem Stoff etwas Lebendiges.

Am Abend begann es zu regnen.

Ein schweres Gewitter zog über den Schwarzwald.

Gegen elf Uhr fiel kurz der Strom aus.

Als Anna die Sicherungen überprüfen wollte, hörte sie zum ersten Mal ein Geräusch aus dem Flur.

Drei leise Klopfzeichen.

Klopf.

Klopf.

Klopf.

Sie blieb stehen.

„Hallo?“

Keine Antwort.

Sie nahm ihr Handy und schaltete die Taschenlampe ein.

Dann ging sie langsam den Flur entlang.

Bruno folgte ihr.

Vor dem Wandbild blieb er stehen.

Er begann zu knurren.

Anna richtete das Licht auf den Stoff.

Alles sah normal aus.

Doch dann hörte sie ein Flüstern.

So leise, dass sie zunächst glaubte, sich verhört zu haben.

„Hilf mir …“

Anna wich zurück.

„Wer ist da?“

Der Stoff blieb unbeweglich.

Dann ertönte die Stimme erneut.

„Bitte … hilf mir.“

Bruno sprang plötzlich gegen den Rahmen.

Anna schrie auf.

Und genau in diesem Moment begann sich der Stoff nach außen zu wölben.

Die Stimme hinter dem Stoff

„Anna …“

Die Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

„Mein kleines Mädchen.“

Anna spürte, wie ihr das Blut in den Adern gefror.

Diesen Satz hatte ihre Mutter früher immer gesagt.

Jeden Abend.

Kurz bevor sie das Licht ausschaltete.

„Schlaf gut, mein kleines Mädchen.“

Anna begann zu zittern.

„Mama?“

Bruno bellte sofort.

Laut.

Warnend.

Doch Anna konnte ihren Blick nicht von dem Gesicht unter dem Stoff lösen.

Die Lippen bewegten sich erneut.

„Ja, mein Schatz.“

Tränen stiegen Anna in die Augen.

„Das … das ist unmöglich.“

„Ich habe so lange auf dich gewartet.“

Anna machte einen Schritt auf das Bild zu.

„Wo warst du?“

Keine Antwort.

Dann flüsterte die Stimme:

„Mach mich frei.“

Die Konturen des Gesichts drückten sich etwas deutlicher gegen den Stoff.

Anna konnte die Nase erkennen.

Den geschlossenen Mund.

Die sanfte Rundung eines Kinns.

Alles wirkte wie ein echter Mensch, dessen Gesicht von der anderen Seite gegen die gespannte Oberfläche gepresst wurde.

„Bitte, Anna.“

Die Stimme wurde eindringlicher.

„Nimm den Stoff ab.“

Anna streckte langsam die Hand aus.

In diesem Augenblick sprang Bruno zwischen sie und das Bild.

Er stieß ein tiefes Knurren aus.

Dann biss er vorsichtig in den Ärmel ihres Morgenmantels und zog sie zurück.

„Bruno!“

Der Hund ließ nicht los.

Anna stolperte rückwärts.

Und plötzlich veränderte sich die Stimme hinter dem Stoff.

Aus dem sanften Flüstern wurde ein wütendes Zischen.

„NIMM DEN STOFF AB!“

Anna schrie.

Sie packte Bruno am Halsband und rannte mit ihm aus dem Flur.

Hinter ihr ertönten drei heftige Schläge.

BUMM!

BUMM!

BUMM!

Dann war alles still.

Der Brief ihrer Großmutter

Anna schloss sich mit Bruno im Wohnzimmer ein.

Ihre Hände zitterten so stark, dass sie kaum ihr Handy halten konnte.

Sie wollte die Polizei rufen.

Doch das Mobilfunknetz war durch das Gewitter ausgefallen.

Sie versuchte es erneut.

Vergeblich.

Bruno lag direkt vor der Tür.

Seine Ohren waren aufgerichtet.

Immer wieder knurrte er leise.

Anna blickte auf den alten Schreibtisch ihrer Großmutter.

Dort lag ihre Handtasche.

Und darin befand sich noch immer der versiegelte Brief.

Mit zitternden Fingern öffnete sie ihn.

Auf dem ersten Blatt stand:

„Meine liebe Anna,

wenn du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr da.

Es gibt etwas, das ich dir dein ganzes Leben lang verschwiegen habe.

Ich habe dir gesagt, deine Mutter hätte dich verlassen.

Das war gelogen.

Katharina hätte dich niemals freiwillig zurückgelassen.

Es tut mir unendlich leid.“

Anna hielt sich eine Hand vor den Mund.

Tränen liefen über ihre Wangen.

Sie las weiter.

„Vor 23 Jahren geschah in diesem Haus etwas, das ich bis heute nicht begreifen kann.

Deine Mutter hörte nachts eine Stimme hinter dem großen Wandbild.

Zuerst klang sie wie ein weinendes Kind.

Dann wie ihre verstorbene Schwester.

Katharina glaubte, jemand sei dort eingesperrt.

Sie wollte helfen.

Ich habe versucht, sie aufzuhalten.

Aber sie nahm den Stoff ab.

Am nächsten Morgen war sie verschwunden.“

Anna starrte auf die Zeilen.

Ihr Herz raste.

„Die Polizei suchte überall.

Sie untersuchte das Haus, den Keller und das Grundstück.

Doch niemand fand eine Spur von Katharina.

Das Schlimmste war, dass ihre Stimme weiterhin aus dem Wandbild kam.

Sie bat mich jede Nacht, den Stoff wieder abzunehmen.

Aber eines Nachts hörte ich, wie sie mit der Stimme meines verstorbenen Mannes sprach.

Da verstand ich, dass etwas nicht stimmte.

Was auch immer hinter diesem Stoff lebt – es ist nicht deine Mutter.“

Anna ließ den Brief beinahe fallen.

Sie zwang sich, die letzten Zeilen zu lesen.

„Es kennt unsere Stimmen.

Es kennt unsere Erinnerungen.

Es weiß, wonach wir uns am meisten sehnen.

Aber es kann das Haus nicht verlassen, solange der Rahmen geschlossen bleibt.

Anna, wenn du jemals eine Stimme dahinter hörst, dann antworte nicht.

Und was auch immer geschieht:

ÖFFNE NIEMALS DEN RAHMEN.

In Liebe,

Oma Helga.“

Anna saß regungslos da.

Dann hörte sie etwas.

Ein leises Geräusch direkt vor der Wohnzimmertür.

Jemand strich mit den Fingern über das Holz.

Langsam.

Von oben nach unten.

Und dann ertönte eine Stimme.

Diesmal war es nicht die Stimme ihrer Mutter.

Sondern die ihrer Großmutter.

„Anna, mein Schatz …“

Bruno sprang auf.

„Mach bitte die Tür auf.“

Der schlimmste Fehler

Anna hielt den Atem an.

Ihre Großmutter war tot.

Sie hatte selbst neben ihrem Sarg gestanden.

Sie hatte gesehen, wie die Erde auf den Sarg gefallen war.

Und trotzdem klang die Stimme vor der Tür vollkommen echt.

„Anna?“

Ein sanftes Klopfen.

„Warum antwortest du mir nicht?“

Bruno knurrte.

Anna presste beide Hände auf ihre Ohren.

Doch die Stimme fuhr fort.

„Du weißt doch, dass ich dich niemals verletzen würde.“

Eine Pause.

Dann sagte sie:

„Ich habe dein Lieblingsessen gekocht.“

Anna begann zu weinen.

Diesen Satz hatte ihre Großmutter früher oft gesagt.

Immer, wenn Anna traurig gewesen war.

Plötzlich hörte sie ein leises Kinderlachen.

Anna erstarrte.

Dann erklang eine hohe Mädchenstimme.

Ihre eigene Stimme.

So, wie sie als siebenjähriges Kind geklungen hatte.

„Oma, wo ist Mama?“

Anna blickte entsetzt zur Tür.

Die Stimme ihrer Großmutter antwortete:

„Sie ist doch hier, mein Schatz.“

Das Mädchen fragte:

„Darf ich zu ihr?“

Dann kam eine dritte Stimme.

Die Stimme ihrer Mutter.

„Natürlich, Liebling.“

Ein leises Lachen.

„Komm herein.“

Anna begann zu schluchzen.

Sie wusste nicht mehr, ob sie wach war oder träumte.

Plötzlich ertönte ein lauter Schlag gegen die Tür.

Bruno bellte wild.

Die Klinke bewegte sich.

Einmal.

Zweimal.

Dann hörte Anna eine tiefe, fremde Stimme.

Keine Frauenstimme.

Keine Kinderstimme.

Sondern etwas Raues, Unnatürliches.

„Du kannst dich nicht ewig verstecken, Anna.“

Die Tür begann zu zittern.

Anna sprang auf.

Sie musste aus dem Haus.

Sofort.

Die Aufzeichnungen im Keller

Anna erinnerte sich an einen kleinen Seitenausgang hinter der Küche.

Als Kind war sie dort häufig in den Garten gelaufen.

Vielleicht konnte sie das Haus auf diesem Weg verlassen.

Sie öffnete vorsichtig die Wohnzimmertür.

Der Flur war leer.

Nur am anderen Ende brannten die alten Wandlampen.

Bruno lief vor ihr her.

Sie schlichen in Richtung Küche.

Doch plötzlich fiel die Tür zum Keller mit einem lauten Knall ins Schloss.

Anna zuckte zusammen.

Bruno blieb stehen.

Aus der Tiefe des Hauses kam ein Geräusch.

Ein altes, metallisches Klicken.

Dann begann irgendwo Musik zu spielen.

Eine Melodie.

Leise.

Verzerrt.

Anna erkannte sie sofort.

Es war das Schlaflied, das ihre Mutter ihr früher vorgesungen hatte.

Sie hätte weglaufen sollen.

Doch stattdessen blieb sie stehen.

Denn sie erinnerte sich an etwas.

Ihre Großmutter hatte früher oft mit einem alten Kassettenrekorder gearbeitet.

Sie hatte Familienfeiern aufgenommen.

Geburtstage.

Weihnachtsabende.

Und manchmal einfach Gespräche am Küchentisch.

Vielleicht existierten noch Aufnahmen ihrer Mutter.

Vielleicht gab es etwas, das Helga in ihrem Brief nicht erwähnt hatte.

Anna wusste, dass die alten Kassetten im Keller aufbewahrt wurden.

Sie nahm Bruno mit.

Langsam stieg sie die Treppe hinunter.

Im Keller roch es nach Staub und feuchtem Holz.

Die Taschenlampe ihres Handys beleuchtete alte Schränke und Umzugskartons.

Auf einem Regal stand ein grauer Kassettenrekorder.

Daneben lag eine kleine Schachtel.

Anna öffnete sie.

Darin befanden sich mehrere beschriftete Kassetten.

Weihnachten 1999.

Annas 6. Geburtstag.

Sommer 2002.

Und eine weitere.

Ohne Datum.

Nur mit einem Wort:

„Katharina.“

Anna nahm sie heraus.

Sie legte die Kassette in den Rekorder.

Drückte auf Wiedergabe.

Zuerst hörte sie nur Rauschen.

Dann die Stimme ihrer Mutter.

„Mama, ich weiß nicht, was in diesem Haus vorgeht.“

Anna hielt den Atem an.

Die Aufnahme war alt.

Die Stimme klang nervös.

„Gestern Nacht hat wieder jemand hinter dem Wandbild geweint.“

Eine zweite Stimme antwortete.

Ihre Großmutter.

„Katharina, ich habe dir gesagt, dass du es nicht berühren sollst.“

„Aber wenn dort wirklich ein Mensch eingesperrt ist?“

„Da ist niemand.“

„Woher willst du das wissen?“

Lange Stille.

Dann fragte Helga:

„Hast du die Stimme deiner Schwester gehört?“

Katharina antwortete leise:

„Ja.“

Anna schloss die Augen.

Dann hörte sie ihre Mutter sagen:

„Aber meine Schwester ist seit zehn Jahren tot.“

Die Aufnahme rauschte.

Ein Stuhl wurde verschoben.

Dann erklang plötzlich eine weitere Stimme.

Eine Frauenstimme.

Leise.

Fast fröhlich.

„Katharina …“

Anna erstarrte.

Die Stimme schien direkt neben dem Aufnahmegerät zu sprechen.

„Komm doch zu mir.“

Katharina schrie.

Ein lauter Knall.

Dann brach die Aufnahme ab.

Anna saß bewegungslos auf dem Kellerboden.

Jetzt verstand sie.

Ihre Mutter hatte nicht einfach das Haus verlassen.

Sie war einer Stimme gefolgt.

Einer Stimme, die sie an einen geliebten Menschen erinnert hatte.

Und Anna hatte beinahe denselben Fehler gemacht.

Das Gesicht im Dunkeln

Plötzlich ging das Licht ihrer Handytaschenlampe aus.

Der Akku war leer.

Anna schrie auf.

Der Keller lag vollständig im Dunkeln.

Bruno begann zu bellen.

Irgendwo über ihnen knarrte der Fußboden.

Dann ertönten Schritte.

Langsam.

Schwer.

Ein Schritt.

Noch einer.

Anna tastete nach Brunos Halsband.

„Komm, mein Junge.“

Sie stand auf.

Doch als sie zur Kellertreppe gehen wollte, hörte sie eine Stimme direkt hinter sich.

„Anna.“

Sie blieb stehen.

Es war ihre Mutter.

Wieder.

Doch diesmal klang die Stimme nicht traurig.

Sie klang glücklich.

„Endlich habe ich dich gefunden.“

Anna weinte.

„Du bist nicht meine Mutter.“

Stille.

Dann sagte die Stimme:

„Bist du dir da so sicher?“

Anna schloss die Augen.

„Meine Mutter hätte mich niemals so erschreckt.“

Eine lange Pause.

Dann begann etwas hinter ihr zu lachen.

Zuerst leise.

Dann immer lauter.

Das Lachen veränderte sich.

Aus einer Frauenstimme wurden mehrere Stimmen.

Männer.

Frauen.

Kinder.

Alle lachten gleichzeitig.

Bruno stellte sich schützend vor Anna.

Er knurrte so tief, wie sie es noch nie gehört hatte.

Plötzlich ging am Ende des Kellers ein schwaches Licht an.

Anna sah eine Gestalt vor der Treppe stehen.

Eine Frau.

Mit langen braunen Haaren.

In einem weißen Nachthemd.

Ihr Gesicht lag im Schatten.

„Mama?“, flüsterte Anna unwillkürlich.

Die Gestalt bewegte sich nicht.

Dann hob sie langsam den Kopf.

Anna konnte nur die Konturen erkennen.

Doch etwas stimmte nicht.

Das Gesicht wirkte merkwürdig flach.

Als wäre es nicht aus Haut, sondern aus Stoff.

Die Gestalt streckte eine Hand aus.

„Komm zu mir, Anna.“

Bruno sprang bellend nach vorn.

In diesem Moment flackerte das Licht.

Und die Gestalt war verschwunden.

Die Wahrheit über den Rahmen

Anna rannte mit Bruno die Kellertreppe hinauf.

Sie erreichte die Küche.

Der Seitenausgang war nur wenige Schritte entfernt.

Doch die Tür ließ sich nicht öffnen.

Anna rüttelte am Griff.

Vergeblich.

Die Tür schien von außen blockiert zu sein.

Plötzlich hörte sie ein lautes Geräusch aus dem Flur.

Holz splitterte.

Ein dumpfer Schlag.

Dann noch einer.

Anna drehte sich um.

Der große Rahmen bewegte sich.

Sie konnte es von der Küchentür aus sehen.

Das schwere Holz hatte sich einige Zentimeter von der Wand gelöst.

Der blaugraue Stoff spannte sich.

Eine kleine Wölbung erschien.

Dann ein Gesicht.

Es war wieder ungefähr so groß wie ein normales menschliches Gesicht.

Die Nase drückte sich nach außen.

Die Lippen bewegten sich.

Doch diesmal ertönte keine Stimme.

Stattdessen hörte Anna ein leises, angestrengtes Atmen.

Als würde sich jemand durch den Stoff zwängen wollen.

Bruno knurrte.

Anna blickte auf den Boden.

Neben dem Rahmen lag eine kleine Holzleiste.

Sie musste sich durch die Bewegungen gelöst haben.

Dahinter war ein schmaler Spalt sichtbar.

Und aus diesem Spalt drang eiskalte Luft.

Anna erinnerte sich an den Brief ihrer Großmutter.

„Es kann das Haus nicht verlassen, solange der Rahmen geschlossen bleibt.“

Der Rahmen war nicht mehr richtig geschlossen.

Und was auch immer dahinter existierte, begann sich zu befreien.

Anna musste etwas tun.

Doch wie konnte sie den Rahmen wieder befestigen, ohne den Stoff zu berühren?

Sie sah sich verzweifelt um.

Dann bemerkte sie die schwere Messingstange, mit der ihre Großmutter früher die Fensterläden verriegelt hatte.

Anna griff danach.

Das Metall war kalt.

Sie ging langsam in Richtung des Wandbildes.

Bruno folgte ihr dicht an den Beinen.

Das Gesicht im Stoff bewegte sich.

Die Lippen öffneten sich.

Und plötzlich hörte Anna ihre eigene Stimme.

„Du kannst mich nicht einsperren. Ich bin doch du.“

Anna blieb stehen.

Zum ersten Mal empfand sie nicht nur Angst.

Sondern Wut.

„Nein“, flüsterte sie.

„Du bist nicht ich.“

Das Gesicht verzerrte sich.

Ein scharfes Zischen ertönte.

Anna hob die Messingstange.

Und drückte vorsichtig gegen die gelockerte Holzleiste.

Ein lautes Knacken.

Der Rahmen rutschte zurück an die Wand.

Doch im selben Moment schlug etwas von innen dagegen.

Anna wurde zurückgestoßen.

Sie fiel auf den Marmorboden.

Die Messingstange glitt aus ihrer Hand.

Bruno bellte und sprang zwischen sie und das Bild.

Dann hörte Anna die Stimme ihrer Mutter.

Diesmal so sanft, dass es ihr das Herz zerriss.

„Mein kleines Mädchen …“

Anna begann zu weinen.

„Bitte lass mich gehen.“

Eine Pause.

Dann sagte die Stimme:

„Ich habe so lange auf dich gewartet.“

Anna starrte auf das Gesicht unter dem Stoff.

Ihre Hände zitterten.

Sie hätte nur aufstehen müssen.

Nur den Stoff zur Seite ziehen.

Nur einmal nachsehen.

Vielleicht war ihre Mutter tatsächlich dort.

Vielleicht hatte Helga sich geirrt.

Vielleicht …

Da erinnerte Anna sich an etwas, das ihre Mutter ihr als Kind beigebracht hatte.

Immer wenn Anna Angst gehabt hatte, sagte Katharina:

„Wenn du dich fürchtest, dann schau nicht darauf, was die Angst dir zeigt. Schau darauf, was du weißt.“

Anna schloss die Augen.

Was wusste sie?

Ihre Mutter hatte sie geliebt.

Ihre Mutter hätte niemals verlangt, dass sie sich in Gefahr brachte.

Und ihre Mutter hätte Bruno niemals verletzt.

Als Anna die Augen wieder öffnete, war ihr Entschluss gefasst.

„Du bist nicht meine Mutter.“

Das Gesicht im Stoff wurde still.

Dann lächelten die Lippen.

Ein unnatürlich breites Lächeln.

Und eine tiefe Stimme antwortete:

„Dann werde ich eben jemand anderes.“

Die längste Nacht ihres Lebens

Anna griff nach der Messingstange.

Sie stemmte sich mühsam auf die Beine.

Dann drückte sie die gelockerte Leiste mit aller Kraft wieder in ihre ursprüngliche Position.

Bruno stand dicht neben ihr und knurrte ununterbrochen.

Das Gesicht hinter dem Stoff begann sich zu bewegen.

Es wanderte langsam nach links.

Dann nach rechts.

Als würde jemand verzweifelt nach einer Öffnung suchen.

Plötzlich drückten sich zwei Hände gegen den Stoff.

Anna schrie.

Die Finger zeichneten sich deutlich unter dem schweren Material ab.

Sie waren ungewöhnlich lang.

Und sie bewegten sich, als würden sie nach etwas greifen.

Anna drückte stärker gegen den Rahmen.

„Komm schon!“

Das Holz knarrte.

Ein weiterer Schlag kam von innen.

Dann noch einer.

Doch plötzlich rutschte die Leiste mit einem lauten Klicken zurück in ihre Halterung.

Der Rahmen saß wieder fest.

Im selben Augenblick verschwanden die Hände.

Dann die Nase.

Dann die Lippen.

Der Stoff wurde vollkommen glatt.

Stille.

Anna stand keuchend vor dem Wandbild.

Ihre Arme schmerzten.

Bruno hörte auf zu knurren.

Langsam setzte er sich.

Anna konnte kaum glauben, dass es vorbei war.

Doch dann ertönte eine Stimme.

Ganz leise.

Aus der Mitte des Stoffes.

„Anna …“

Sie erstarrte.

„Du kannst mich nicht für immer hierlassen.“

Anna nahm Bruno am Halsband.

Sie ging rückwärts zur Haustür.

Diesmal ließ sich der Griff bewegen.

Die Tür öffnete sich.

Kalte Nachtluft strömte herein.

Anna rannte mit Bruno hinaus.

Hinter ihr fiel die Haustür ins Schloss.

Und aus dem Inneren der Villa erklang ein letzter, lang gezogener Schrei.

Was die Polizei fand

Am nächsten Morgen kehrte Anna mit zwei Polizeibeamten zur Villa zurück.

Sie hatte die Nacht bei einer Freundin verbracht und sofort nach ihrer Flucht die Polizei verständigt.

Die Beamten untersuchten das Gebäude.

Sie überprüften alle Räume.

Den Keller.

Den Dachboden.

Die Türen und Fenster.

Doch niemand war im Haus.

Auch der große Rahmen hing wieder vollkommen ruhig an der Wand.

Der Stoff zeigte keine Beschädigungen.

Keine Risse.

Keine ungewöhnlichen Verformungen.

Einer der Beamten betrachtete Anna nachdenklich.

„Sind Sie sicher, dass Sie niemanden gesehen haben?“

Anna nickte.

„Ich habe kein richtiges Gesicht gesehen.“

Sie deutete auf das Wandbild.

„Nur die Form eines Gesichts unter diesem Stoff.“

Der Beamte betrachtete den Rahmen.

Dann fragte er:

„Dürfen wir ihn abnehmen?“

Anna wurde schlagartig blass.

„Nein!“

Der Beamte sah sie überrascht an.

„Frau Berger, wir müssen überprüfen, ob sich dahinter ein Hohlraum befindet.“

Anna schüttelte heftig den Kopf.

„Bitte. Tun Sie das nicht.“

Die beiden Polizisten wechselten einen Blick.

Schließlich entschieden sie, zunächst einen Bausachverständigen hinzuzuziehen und den Bereich zu sichern.

Anna war erleichtert.

Doch als sie die Villa verlassen wollte, blieb Bruno plötzlich stehen.

Er blickte noch einmal zum Wandbild.

Dann begann er leise zu winseln.

Anna folgte seinem Blick.

Der Stoff war glatt.

Vollkommen unbeweglich.

Aber ganz unten, nahe dem Rand des Rahmens, entdeckte sie etwas.

Eine winzige dunkle Stelle.

Als hätte jemand von innen einen nassen Finger dagegengepresst.

Anna drehte sich sofort um.

„Komm, Bruno.“

Sie verließen das Haus.

Und diesmal schloss Anna die Tür ab, ohne zurückzusehen.

Drei Monate später

Anna hatte beschlossen, die Villa nicht mehr zu bewohnen.

Ein unabhängiger Gutachter überprüfte das alte Gebäude.

Er stellte fest, dass hinter der dekorativen Wandkonstruktion tatsächlich ein schmaler, seit Jahrzehnten verschlossener Hohlraum existierte.

Doch niemand konnte erklären, wie die seltsamen Stimmen entstanden waren.

Auch die angeblichen Bewegungen des Stoffes ließen sich nicht eindeutig nachvollziehen.

Anna sprach mit einem Historiker über die Vergangenheit der Villa.

Dabei erfuhr sie, dass das Anwesen früher einem wohlhabenden Arzt gehört hatte.

Dieser hatte seine Frau verloren und war danach zunehmend zurückgezogen gewesen.

Alte Aufzeichnungen berichteten, er habe nachts Stimmen in den Wänden gehört.

Stimmen von Menschen, die längst gestorben waren.

Schließlich war er selbst unter ungeklärten Umständen verschwunden.

Anna war erschüttert.

Sie ließ die entsprechenden Unterlagen dokumentieren und beschloss, alle weiteren Untersuchungen Fachleuten zu überlassen.

Das alte Wandbild wurde vorerst nicht entfernt.

Anna zog endgültig nach Freiburg.

Bruno gewöhnte sich schnell an die neue Wohnung.

Er schlief wieder ruhig.

Spielte im Garten.

Und wich Anna kaum noch von der Seite.

Mit der Zeit wurden die Erinnerungen an jene Nacht schwächer.

Anna ging wieder arbeiten.

Sie traf Freunde.

Und begann zum ersten Mal seit vielen Jahren, offen über ihre Mutter zu sprechen.

Sie hatte keine endgültige Antwort darauf, was damals mit Katharina geschehen war.

Doch eines wusste sie jetzt:

Ihre Mutter hatte sie nicht einfach vergessen.

Diese Erkenntnis half ihr, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen.

Bis eines Abends etwas geschah, das alles wieder veränderte.

Der letzte Anruf

Es war kurz nach Mitternacht.

Anna saß auf dem Sofa und las ein Buch.

Bruno schlief neben ihr.

Plötzlich klingelte ihr Handy.

Auf dem Display erschien eine unbekannte Nummer.

Anna nahm ab.

„Hallo?“

Zunächst hörte sie nur Rauschen.

Dann eine Stimme.

Eine ältere Frauenstimme.

„Anna?“

Sie erstarrte.

Es war die Stimme ihrer Großmutter.

„Oma?“

Stille.

Dann hörte sie ein leises Lachen.

„Mein kleines Mädchen …“

Anna spürte, wie ihr Herz zu rasen begann.

„Wer ist da?“

Die Stimme antwortete nicht.

Stattdessen ertönten drei leise Klopfzeichen.

Klopf.

Klopf.

Klopf.

Bruno hob sofort den Kopf.

Seine Ohren richteten sich auf.

Langsam stand er auf und begann zu knurren.

Anna starrte auf ihr Handy.

Dann flüsterte die Stimme:

„Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass ich in diesem Haus geblieben bin?“

Die Verbindung brach ab.

Anna saß regungslos da.

Sekundenlang bewegte sie sich nicht.

Dann blickte sie zur Wand gegenüber.

Dort hing ein neues Bild.

Ein gewöhnliches Landschaftsgemälde, das sie erst vor einer Woche gekauft hatte.

Es zeigte einen stillen Wald im Nebel.

Anna hatte es in einem kleinen Antiquitätengeschäft gefunden.

Der Rahmen war alt.

Dunkelbraun.

Mit feinen Verzierungen.

Plötzlich knurrte Bruno lauter.

Anna hob langsam den Blick.

Mitten auf der Leinwand entstand eine winzige Wölbung.

Zuerst kaum sichtbar.

Dann etwas deutlicher.

Die Form einer Nase.

Und darunter …

Zwei Lippen.

Anna hielt den Atem an.

Die Lippen bewegten sich.

Dann hörte sie die Stimme ihrer Mutter.

„Anna … diesmal kannst du nicht weglaufen.“

Das Licht flackerte.

Bruno begann zu bellen.

Und das Gesicht unter der Leinwand …

… öffnete langsam die Augen.

Ende.

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